Allgäu:
Bücher
:Kommissar Kluftinger - Rauhnacht
Eigentlich sollte es für die Kluftingers ein erholsamer
Kurzurlaub werden, auch wenn das Ehepaar Langhammer mit von der Partie ist:
ein Winterwochenende in einem schönen Allgäuer Berghotel samt einem
Live-Kriminalspiel. Doch aus dem Spiel wird blutiger Ernst, als ein
Hotelgast unfreiwillig das Zeitliche segnet. Kluftinger steht vor einem
Rätsel: Die Leiche befindet sich in einem von innen verschlossenen Raum. Und
über Nacht löst ein Schneesturm höchste Lawinenwarnstufe aus und schneidet
das Hotel von der Außenwelt ab. Kommissar Kluftinger ist ganz auf sich
allein gestellt. Das heißt: fast. Denn Doktor Langhammer mischt bei den
Ermittlungen kräftig mit. Und das alles während der berüchtigten Rauhnächte,
über die man sich hier in den Bergen grausige Geschichten von bösen Mächten
erzählt.
Nachstehend eine Leseprobe aus dem jüngsten Werk:
Das Spiel beginnt
Beim Betreten der Hotelhalle besserte sich Kluftingers Laune wieder. Das war
eine Herberge so ganz nach seinem Geschmack: Große Panoramafenster gaben den
Blick auf den verschneiten Garten frei, die Halle war mit einem hellen
Steinboden ausgelegt, alles wirkte freundlich, gemütlich und gepflegt. Und
teuer, was ihn eigentlich am meisten freute, musste er sich doch
eingestehen, dass er sich einen Aufenthalt in einem derartig luxuriösen
Hotel wohl nicht leisten könnte. Oder nicht leisten wollte, das traf die
Sache vielleicht noch besser.
Die Empfangshalle war weitläufig und hatte ein Glasdach, das automatisch die
Blicke nach oben zu den vier noch folgenden Stockwerken zog. Galerieartig
waren sie übereinander angeordnet; hinter den gedrechselten Geländern sah
man die Türen, die goldene Schildchen mit den Zimmernummern zierten. Das
Dach gab den Blick in den inzwischen ziemlich bedrohlich aussehenden Himmel
frei, aus dem dicke Flocken fielen, die aber auf dem Glas sofort schmolzen
und als kleine Rinnsale nach unten kullerten. Es war eine spektakuläre
Aussicht, aber es würde sicher nicht mehr lange so bleiben, vermutete der
Kommissar, denn wenn der Schneefall nicht bald aufhörte, würde sich die
weiße Masse wie eine Decke auf das Glasdach legen.
„Schön hier, oder?“ Erika schmiegte sich an Kluftingers Seite. Sie umfasste
seinen Arm, und als er sich ihr zuwandte, sah er, dass auch sie wie gebannt
nach oben schaute.
„Ja, sehr schön“, antwortete er ehrlich. Die Kombination aus rustikaler
Gemütlichkeit, den die vielen Holzelemente verströmten, und der modernen,
lichten Bauweise gefiel ihm gut. Kluftinger blickte sich um und sah, dass
auch Langhammers von dem Anblick angetan zu sein schienen. „Gar nicht so
schlecht, oder?“, sagte Kluftinger ein wenig stolz, denn immerhin kamen sie
seinetwegen in den Genuss dieses kostenlosen Wochenendes. Gut, ein klein
bisschen hatte der Doktor auch dazu beigetragen, wenn er ehrlich war. Aber
nur minimal.
„Ja, ganz ausgezeichnet, mein Lieber. Und das haben wir alles nur Ihnen zu
verdanken“, erwiderte der, und Kluftinger schämte sich ein wenig, weil er
Langhammers Verdienst um diese Sache gedanklich so herabgewürdigt hatte.
„Darf ich mal?“ Der Mann, der vorher Kluftingers Koffer getragen hatte,
drängte sich mit Langhammers Gepäck an ihnen vorbei. Sie traten zur Seite
und bemerkten erst jetzt die anderen Gäste, die sich schon hier befanden.
Vor dem Panoramafenster saß eine Frau mit strengem Gesichtsausdruck und
schmalen Lippen, vielleicht Mitte vierzig, die auf Kluftinger wirkte, als
komme sie nicht aus Deutschland. Er wusste auch nicht, warum, aber wenn es
um Nationalitäten ging, landete er fast immer einen Treffer. Hier tippte er
wegen des blassen Teints und der blonden Haare auf Schweden oder ein anderes
skandinavisches Land. Er war gespannt, ob er richtig liegen würde. Neben ihr
saß ein junger, durchtrainierter Mann mit langen schwarzen, zum
Pferdeschwanz gebundenen Haaren. Ihm gegenüber nippte ein braungebrannter
Mann mit schlohweißem Haar an seiner Kaffetasse, seine Beine wippten im Takt
der Musik aus den Lautsprechern. Die Musik! Erst jetzt fiel dem Kommissar
auf, dass die Lobby mit munteren Klängen beschallt wurde, was die heitere
Atmosphäre der Einrichtung noch verstärkte. Die Melodie kam ihm bekannt vor.
War das nicht …
„Ah, Miss Marple“, flüsterte eine Stimme an seinem Ohr. Er drehte sich um
und blickte in das grinsende Gesicht des Doktors.
„Wie bitte?“
„Die Melodie. Aus den Miss-Marple-Filmen. Tatata-taataa-taa-tata … wirklich
herzallerliebst.“
Natürlich. Jetzt fiel es auch dem Kommissar wieder ein. Es war das Thema
dieser Agatha-Christie-Verfilmungen, in denen eine dicke, schrullige Alte
die englische Hobbydetektivin gab. Die Organisatoren hatten wirklich an
jedes Detail gedacht.
„Herr Kluftinger!“ Eine durchdringende Frauenstimme hallte durch die Lobby
und ließ die anderen Gäste aufsehen. „Kommissar Kluftinger! Hallo!“ Die
Frau, die hinter der aus massivem Holz gebauten Rezeption stand, winkte ihm
fröhlich zu.
Erika stieß ihren Mann in die Seite: „Guck mal, die Julia König.“
„Ja, ich hab‘s gesehen“, sagte Kluftinger, dem es peinlich war, dass sich
die Aufmerksamkeit der übrigen Gäste so auf ihn konzentrierte. Also winkte
er hastig zurück und sie durchquerten die Halle mit schnellen Schritten in
Richtung Empfangstresen. Noch bevor sie diesen erreicht hatten, kam die Frau
dahinter hervor und lief freudestrahlend auf sie zu. „Endlich“, sagte sie
und breitete ihre Arme aus. „Meine Ehrengäste!“
Kluftinger fühlte sich geschmeichelt und wurde ein bisschen verlegen – auch,
weil die Hotelbesitzerin sehr attraktiv war. Ihr mintgrünes Dirndl passte –
das fand zumindest Kluftinger – wunderbar zu ihrem strohblonden Pagenkopf
und ihrer gesunden Bräune. Doch landeten die Blicke der meisten Männer wohl
erst einmal in ihrem ausladenden Dekolletee – was Kluftinger einen
Rippenstoß seiner Frau und Langhammer einen strafenden Blick von Annegret
einbrachte.
„Ich freu mich so, dass Sie kommen konnten. Ich hätte ja gar nicht zu hoffen
gewagt, dass Sie meiner Einladung folgen. Sie sind sicher wahnsinnig
beschäftigt.“ Julia König war nicht zu bremsen.
„Ach, das ist halb so wild“, antwortete Langhammer, drängte sich an
Kluftinger vorbei und begrüßte die Hotelbesitzerin mit zwei Küsschen auf die
Wange. Kluftinger, dem solche Begrüßungsrituale suspekt waren, reichte ihr
lediglich die Hand.
„Mei Frau“, sagte er und deutete dabei auf Erika, „und … sei Frau“, fügte er
hinzu und deutete auf Annegret, nachdem Langhammer keine Anstalten gemacht
hatte, seinerseits seine bessere Hälfte vorzustellen.
„Das freut mich wirklich sehr, eine so prominente Sportlerin kennenzulernen“,
sagte Erika in fast ehrfürchtigem Tonfall und schüttelte Frau König die
Hand.
Julia König winkte ab: „Ach was. Ex-Sportlerin. Und so prominent war ich nun
auch wieder nicht.
„Na hören Sie mal“, protestierte Kluftinger, „immerhin waren Sie
Olympiasiegerin im … Superski.“
Die König sah ihn prüfend an, weil sie sich nicht sicher war, ob er einen
Witz gemacht hatte. Als sie keine Anzeichen dafür fand, murmelte sie „Jaja,
der Super-G, das war schon was … ist ja aber auch schon fast nicht mehr
wahr.“
„Das war doch vor höchstens fünf Jahren“, schaltete sich Langhammer in
schmeichlerischem Tonfall ein, was der Hotelchefin ein gekünsteltes Kichern
entlockte.
„Sie sind mir ja einer! Mir kommt es vor, als ob es eine Ewigkeit her ist.
Das war in Sarajevo, 1984, da war ich gerade mal zwanzig. Noch ein richtiges
Baby, sozusagen.“ Sie lachte laut.
„Ich bin auch begeisterter Skifahrer“, fuhr Langhammer fort, der gar nicht
zu merken schien, dass Annegret inzwischen gelangweilt an der Rezeption
lehnte. „Vielleicht können wir uns da mal ein bisschen austauschen. Fürs
richtige Wachs könnte ich noch ein paar Tipps gebrauchen.“
„Vielleicht wären ein paar Tipps zum richtigen Pflugbogen noch wichtiger“,
grummelte Kluftinger eingedenk eines gemeinsamen Skiausflugs und zog Erika
ebenfalls in Richtung Tresen.
Dort bekamen sie gerade noch mit, wie sich ein elegant gekleideter Mann, den
Kluftinger trotz seiner grauen Schläfen auf höchstens fünfundvierzig
schätzte, lautstark bei einem Hotelangestellten beschwerte. „Ich hab
gedacht, das Hotel ist neu, da sollte man ja wohl davon ausgehen können,
dass die Sachen funktionieren.“
Der Hotelangestellte, ein gedrungener Mann in roter Livree, entschuldigte
sich unterwürfig und fügte ohne nachzudenken an: „Aber unser Hotel ist nicht
neu, es wurde nur grundlegend saniert.“
„Brauchen Sie mir nicht erzählen, weiß ich doch“, fuhr ihn der Mann an. „Und
da haben Sie die kaputten Sachen gleich dringelassen?“ Während der ganzen
Zeit spielte er dabei mit seinem Handy herum, das golden glänzte. „Ich hab
es gleich gewusst, ich hätte nicht herkommen sollen. Das war eine
blödsinnige Idee, dieser Einladung zu folgen.“
Als Kluftinger das Wort „Einladung“ hörte, wurde er hellhörig. Er wusste
nicht, dass die anderen Gäste auch geladen worden waren. Noch weniger
verstand er aber, wie man sich, wenn man schon alles umsonst bekam, so
aufführen konnte, wie der Mann neben ihm.
Inzwischen stand auch Langhammer bei ihnen und die Hotelchefin hatte wieder
ihren Platz hinter dem Tresen eingenommen. Als der Beschwerdeführer merkte,
dass ihn alle anblickten, setzte er sofort ein verbindliches Lächeln auf und
fuhr in ausnehmend freundlichem Tonfall fort: „Na gut, da ist dann wohl
nichts zu machen. Vielleicht benutze ich dann einfach Ihren Hotelsafe hier
unten, wenn meiner nicht geht.
„Nein, kein Problem, lass nur, ich kümmere mich persönlich darum“, warf
Julia König plötzlich ein. Ihre Stimme war ruhig, ihr Blick sicher.
Kluftinger bewunderte sie dafür, dass sie selbst bei derartig unangenehmen
Zeitgenossen noch freundlich bleiben konnte. Ein Serviceberuf wäre definitiv
nichts für ihn gewesen. Da arbeitete er schon lieber im öffentlichen Dienst,
wo man immerhin einigermaßen ehrlich sagen konnte, was man von seinen
Zeitgenossen hielt.
„Ich komm schnell zu dir, dann klären wir das.“ Frau König ging um den
Tresen herum, redete beschwichtigend auf den Mann ein, der weiter verärgert
schien und sie immer wieder anzischte, was der Mann in der roten Uniform mit
unverhohlener Missbilligung beobachtete. Schließlich schien der
Beschwerdeführer zufrieden und wandte sich ab. Als er bemerkte, dass ihn die
eben eingetroffenen Reisenden noch immer fixierten, streckte er ihnen die
Hand entgegen und zeigte bei seinem Lachen eine makellose Zahnreihe.
„Weiß. Carlo Weiß. Guten Tag.“
Passt zu seinen Zähnen, dachte der Kommissar. Sie reichten ihm nacheinander
die Hände, wenn auch im Falle Kluftingers nur widerwillig. Der Kommissar
konnte mit Menschen nichts anfangen, die andere, von denen sie glaubten, sie
stünden gesellschaftlich unter ihnen, herablassend behandelten. Als Weiß
Kluftingers Zögern bemerkte, beeilte er sich zu sagen: „Es tut mir leid,
dass ich da gerade etwas aufbrausend war. Wissen Sie, ich bin
Halb-Italiener, wie Sie vielleicht wegen meines Aussehens schon vermutet
haben.“
Kluftinger hatte nichts dergleichen gedacht.
„Eigentlich müsste ich ja Bianco heißen, Sie wissen schon, Weiß auf
Italienisch“, er grinste breit. „Aber meine Eltern waren nicht verheiratet
und jetzt heiße ich eben so wie meine …
Weiß verstummte. Sein Gesicht wirkte wie erstarrt und er war auf einen
Schlag kreidebleich geworden. Er sah an Kluftinger vorbei in Richtung des
Panoramafensters. Kluftinger folgte seinem Blick. Auch die Gäste in der
Sitzgruppe vor dem Fenster sahen hinaus. Die Wolken hatten sich verdichtet
und sahen bedrohlich schwarz aus. Es schneite nun derart heftig, dass man
das an den Hotelgarten angrenzende Waldstück kaum mehr sehen konnte.
„Ach, das ist halb so schlimm“, wollte Kluftinger ihn beruhigen. „Das hört
schon wieder auf zu schneien, das geht hier ganz schnell in den Bergen.“
Doch seine Worte schienen den Mann gar nicht zu erreichen, der mit einer
fahrigen Entschuldigung auf dem Treppenabsatz verschwand.
„Unsympathischer Zeitgenosse“, flüsterte Kluftinger seiner Frau ins Ohr.
„Bestimmt ein Arzt“, schob er mit Blick auf Langhammer noch nach.
„Darf ich Ihnen vielleicht gleich einen kleinen Imbiss anbieten?“, fragte
die Hotelchefin, als sie ihnen die Anmeldeformulare über den Tresen schob.
„Nein, danke. Mir ist von … vorhin noch ein bissle flau im Magen“,
antwortete Kluftinger.
„Der Herr Kommissar verträgt das Autofahren durchs alpine Gelände nicht so,
stimmt’s?“, mischte sich Langhammer ein und klopfte ihm kumpelhaft auf die
Schulter. „Ist vielleicht doch eher ein Flachlandtiroler, was?“
„Besser als Flachwixer“, murmelte Kluftinger und füllte sein Formular aus.
Der Doktor tat es ihm gleich und als Kluftinger sah, dass der mit
Großbuchstaben „DR. MED.“ vor seinen Namen setzte, schrieb er ein „HAUPT
KOMM. KRIMPOL.“ vor den seinen.
„Ich habe Ihnen zwei schöne Doppelzimmer direkt nebeneinander reserviert,
ich hoffe das war in Ihrem Sinne?“
So lang eine dicke Mauer dazwischen ist, lag dem Kommissar auf der Zunge,
heraus kam jedoch nur ein gequältes „Freilich“.
„Gut, Sie sind gleich im ersten Stock untergebracht, einfach die Treppe rauf
und den Gang entlang. Ihr Gepäck bringen wir Ihnen gerade hoch.“
„Ich hoffe, Sie haben eine schöne Spielwiese für uns im Zimmer bereit
gestellt“, grinste Langhammer die Hotelchefin an und kniff seiner Frau in
den Po.
Kluftinger wurde gerade mit dem Formular fertig; er hatte nur das Wort Wiese
mitbekommen. „Mei, mit Wiese wird’s an dem Wochenende wohl nix, Herr
Langhammer. So wie das schneit.“
Langhammers sahen ihn erstaunt an und kicherten dann wie ein
Teenagerpärchen, bevor Langhammer, ohne den Blick von Annegret abzuwenden,
sagte: „Den werden wir schon zum Schmelzen bringen, nicht wahr, meine
Taube?“
Zwar verstand Kluftinger nicht, was der Doktor da faselte, seinem
Gesichtsausdruck entnahm er jedoch, dass das Gespräch eine Richtung
eingeschlagen hatte, der er keineswegs würde folgen wollen. „Also dann: pack
mer’s“, sagte er schließlich und beeilte sich, vor dem Kofferträger ihr
Gepäck zu erreichen – von dem aber war bereits nichts mehr zu sehen.