Allgäu:
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:Kommissar Kluftinger - Laienspiel
Lodenbacher, der Chef von Kommissar Kluftinger, tobt.
Ausgerechnet bei ihnen im schönen Allgäu hat sich ein Unbekannter auf der
Flucht vor der österreichischen Polizei erschossen. Verdacht: er plane einen
terroristischen Anschlag. Bloß wo?
Nun muss Kluftinger nicht nur mit Spezialisten des BKA, sondern auch noch
mit den Kollegen aus Österreich zusammenarbeiten. Doch das ist nicht sein
Hauptproblem. Er soll mit seiner Frau Erika und dem Ehepaar Langhammer einen
Tanzkurs absolvieren. Dabei hat er gar keine Zeit, denn er steckt mitten in
den Endproben für die große Freilichtspiel-Inszenierung von "Wilhelm Tell"
...
Leseprobe
Noch 12 Tage, 2 Stunden, 14 Minuten, 38 Sekunden
Kluftinger keuchte. Im Augenwinkel sah er die beiden Männer, die sich die
Böschung hinunter zu dem kleinen Kahn am Ufer kämpften. Er blickte ihnen
nach. Das Bild, das er sah, rief Erinnerungen in ihm wach, an die er lieber
nicht rühren wollte. Das Wasser, das Boot … er kniff die Augen zusammen,
ganz als könnte er so die Bilder verjagen. Als er die Augen wieder öffnete,
hatten die beiden Männer den Kahn bereits vom Ufer abgestoßen. Das Hemd des
einen war übersät von blutroten Flecken; in der rechten Hand hielt er ein
Beil. Von dessen Schneide tropfte es ebenfalls rot. Jetzt hatte sich der
Ältere, ein bulliger Typ mit dichtem, schwarzen Bart, ins Boot gesetzt und
die Ruder ergriffen. Als er sich noch einmal umdrehte, flackerte Panik in
seinen Augen auf, dann ruderte er mit aller Kraft los.
»Ich hab getan, was ich nicht lassen konnte«, schrie er ihnen noch
hinterher, dann begann auch er zu keuchen.
Schweiß rann Kluftinger von der Stirn. Er wischte mit dem Handrücken über
seine brennenden Augen. Da hörte er es hinter sich krachen und poltern.
Blitzschnell drehte er sich um. Die Gestalten, die ihm gegenüberstanden,
waren pechschwarz gekleidet und bis auf die Zähne bewaffnet. »Den Mörder …«,
zischte einer von ihnen, »… gebt ihn heraus.« Dann presste er einen Fluch
hervor. Er ließ seine Hand sinken, griff an seinen Gürtel und zog ein
riesiges Messer. Damit fuchtelte er vor Kluftingers Gesicht herum. Sie sahen
sich eine Weile starr in die Augen, keiner sagte etwas. Nur ihr Keuchen war
zu hören, bis … »Die rote Sonne von Barbados, für dich und mich scheint sie
immer noch …« Die Melodie platzte wie ein Kanonenschlag in die Stille.
Irritiert blickten die Männer sich um und suchten die Quelle des Geräusches.
»… nur du und ich im Palmenhain, leise Musik und roter Wein …«
Kluftingers Gesicht lief knallrot an. Er ließ seine Hand sinken, umfasste
den Lederbeutel an seinem Gürtel, und die Melodie verstummte. Keine zwei
Sekunden später zerriss ein spitzer Schrei die Stille: »Wer war das?« Die
durchdringende Stimme schien überall zu sein, ihr Ursprung war nicht zu
lokalisieren. »Wer? War? Das?« Beim letzten Wort überschlug sich die Stimme
und ging in ein hysterisches Kreischen über. Dann hallten Schritte durch die
Abenddämmerung. Kluftinger sah sein Gegenüber an. Der schwarz gekleidete
Mann zuckte mit den Schultern und steckte sein Messer weg. Sie wussten beide
nur zu gut, was nun folgen würde. »Was glaubt ihr eigentlich, wo wir hier
sind?«, schrie der spindeldürre Mann, der mit wehenden Haaren auf sie zu
rannte. Obwohl er noch gut fünfzig Meter von ihnen entfernt war, war seine
Stimme ganz nah und dröhnte in ihren Ohren, verstärkt durch den Hall, den
die riesigen Lautsprecher rechts und links von ihnen erzeugten. Dann hatte
er sie erreicht. »Ich will jetzt sofort wissen, wer das war«, brüllte er
noch einmal in sein Mikrofon. Kluftinger zeigte auf das kleine schwarze
Kästchen, das an seinem Gürtel befestigt war. »Das können Sie jetzt ruhig
ausschalten«, schlug er vor. »Ich schalte und walte hier, wie ich will«,
rief der Mann und fuchtelte dabei aufgeregt mit den Armen herum. »Und ich
will jetzt endlich wissen, wessen Handy da eben geklingelt hat!« Betretenes
Schweigen.
»Hören Sie, meine Herren«, brachte der Mann mit bebender Stimme hervor, »wir
sind hier nicht zum Rumtollen. Das ist kein Spielplatz für Erwachsene,
verstehen Sie das? Das ist Theater. Großes Theater, um genau zu sein. Und
das können Sie ruhig wörtlich nehmen.« Mit einer ausladenden Handbewegung
zeigte er auf die riesige Freilichtbühne um sie herum. »Wir proben hier
einen Klassiker der deutschen Literatur. Schiller hat mit diesem Wilhelm
Tell zu einer Zeit Genialität bewiesen, als man hier im Allgäu
wahrscheinlich noch mit Fellen und Keulen durch die Gegend rannte und Jagd
auf frei laufende Kühe machte.« »Also, jetzt aber wirklich, Herr Frank …«,
versuchte Kluftingers Nebenmann den Wütenden zu beschwichtigen. »Nichts aber
wirklich!«, wischte der den Einwand mit einer fahrigen Geste beiseite. »Sie
wussten alle, worauf Sie sich einlassen.« Kluftinger rollte die Augen,
seufzte und flüsterte dem Schwarzgekleideten mit dem Messer ein »Lass gut
sein, Hans« zu. »Nein, nichts ist gut. Hier, Herr … Hans«, sagte Frank und
wedelte dabei mit dem Textbuch vor der Nase des auf einmal schuldbewusst
dreinblickenden Mannes. »Es heißt nicht: Den Mörder, gebt ihn heraus. Es
heißt: Den Mörder gebt heraus, den ihr verborgen.« Die Umstehenden blickten
zu Boden und versuchten mühsam, den Regisseur ihr Grinsen nicht sehen zu
lassen. Vergebens. »Da gibt es nichts zu lachen, meine Herren. In zwei
Wochen ist Premiere, und auch Sie könnten durchaus mehr Textsicherheit
vertragen.« »Was war denn jetzt schon wieder?« Der Bärtige, der eben noch im
Kahn gesessen hatte, kam mit seinem Begleiter im blutverschmierten Hemd aus
einer engen Gasse zwischen zwei Pappmaché-Felsen. »Ihre Kollegen bringen es
einfach nicht fertig, ihren Text zu lernen, Herr Edgar.«
Kluftinger seufzte und kraulte seinen extra fürs Freilichtspiel kultivierten
Vollbart. Zu Beginn der Probenzeit hatte der Kommissar der Kemptener
Kriminalpolizei die Eigenart des neuen Regisseurs, die Mitspieler immer mit
»Herr« oder »Frau« und ihren Vornamen an- zusprechen, noch amüsant gefunden.
Inzwischen nervte es ihn nur noch. Lediglich ihn sprach er mit Nachnamen an,
weil Kluftinger seinen Vornamen nicht hatte preisgeben wollen und den
Mitspielern unter Androhung körperlicher Gewalt verboten hatte, ihn zu
verraten.
Er betrachtete den Mann mit den schlackernden Hosenbeinen. Heinrich Frank
war eine große Nummer in der deutschen Theaterwelt gewesen, wie man sich
erzählte. So genau wusste das von den vorgeblich so theaterinteressierten
Altusriedern aber keiner, denn alle sprachen immer im Konjunktiv von der
Vergangenheit des hageren Mannes mit der kleinen Brille und dem
temperamentvollen Wesen: Er sei mal irgendwo Intendant gewesen, habe mal mit
ganz prominenten Schauspielern zusammengearbeitet, sei einer der
Einflussreichsten....